Überarbeiten
Überarbeiten

Wozu überarbeiten?

Manche Autoren halten sich – leider – für genial. Sie glauben, dass ein von ihnen geschriebener Text schon in seiner ersten Version perfekt ist. Dass er das Ergebnis einer Inspiration ist und deshalb keinesfalls durch überarbeiten verändert werden darf. Und dass, wer Inhalt und Bedeutung eines Textes nicht versteht, einfach keinen Sinn für dessen Genialität hat.

Auch wenn diese Darstellung sichtbar überzeichnet ist, macht sie doch auf etwas Wichtiges aufmerksam: Kein Text ist jemals „perfekt“. Tatsächlich sind die besten jemals geschriebenen Werke das Ergebnis rigider Selbstkorrektur und Überarbeitung. Und am Ende eines solchen Prozesses steht – bestenfalls – das Bestmögliche. Häufig haben Autoren für dieses „Bestmögliche“ Sätze, Szenen oder ganze Kapitel geopfert, die sie beim Schreiben, oder selbst bei der ersten Lektüre noch für „genial“ hielten. Mehr noch: Ganze Figuren und ihre Geschichten, Schauplätze und die dort spielenden Szenen oder Handlungsstränge wurden für das bessere Ganze aus der endgültigen Geschichte getilgt, als habe es sie nie gegeben. Solche Veränderungen haben Folgen für alle übrigen Szenen und Figuren. Manchmal betreffen sie sogar einen Großteil des übrigen Textes und fordern die Opferung weiterer „geliebter“ Szenen und Figuren.

Kill your darlings …

„Kill your darlings“ — das ist das Motto beim überarbeiten. Und je unvermeidlicher, unabänderlicher, „perfekter“ Ihnen eine Figur, eine Szene, eine Entwicklung oder ein Erzählstrang vorkommt, umso mehr sollten Sie sich fragen, wie wichtig, wie „gut“ er/sie wirklich ist. Nicht, weil Sie beständig an Ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln sollten, sondern weil auch für den besten Schriftsteller eine gewisse Demut vor der eigenen Arbeit hilfreich ist.

Und es gibt einen weiteren, möglicherweise wichtigeren Grund für die intensive Revision von Texten. Jeder, der etwas anderes als ein persönliches Tagebuch schreibt1, schreibt nicht nur für sich, sondern vor allem für Leser. Der geschriebene Text, sei es eine Erzählung, ein Roman oder – insbesondere(!) – ein Sachbuch, muss also vor allem für den Leser verständlich, logisch, nachvollziehbar und interessant sein. Vieles was Ihnen als Autor unmittelbar klar ist und einleuchtet, ist für Leser möglicherweise schwer nachvollziehbar. Das heißt nicht unbedingt, dass eine Überarbeitung nur der Vereinfachung, der Simplifikation dient. Aber Klarheit und argumentative Transparenz sind auch kein Widerspruch zu Brillanz.

Wie überarbeiten?

Überarbeitungen sind der Schweiß, den die Götter vor den Erfolg gesetzt haben. Doch wenn Sie, wie von mir vorgeschlagen, ihren Text vor dem Schreiben konzipiert haben, dürfte Ihnen vieles leichter fallen. Denn Sie verfügen über eine Vergleichsmöglichkeit, eine Kontrollinstanz, ob Sie beim Schreiben Ihren Ideen und Konzepten treu geblieben, oder davon abgewichen sind. Manchmal werden Sie diese Abweichungen dann nach den ursprünglichen Ideen korrigieren, manchmal aber auch die Konzeption gemäß dem geschriebenen Text ändern. Dennoch gibt eine Konzeption Ihnen eine Leitlinie für die Korrekturen im Laufe der verschiedenen Überarbeitungs-Schritte.

Allgemeine Tipps

Jeder Revisions-Prozess ist anders. Das liegt schon in der Verschiedenheit von Texten und Autoren begründet. Trotzdem gibt es – neben den einzelnen Überarbeitungs-Schritten in den folgenden Abschnitten – ein paar allgemeine Ratschläge zur Vorgehensweise.

  1. Wahrscheinlich haben Sie bereits während des Schreibens immer wieder erste Korrekturen und Veränderungen vorgenommen. Meistens liest man sich nach Arbeitspausen die letzten Seiten oder Szenen noch einmal durch, um den richtigen Anschluss wiederzufinden, oder sich in die richtige „Stimmung“ zu versetzen. Oft werden Sie dann bereits einzelne Formulierungen oder Sätze korrigieren oder ersetzen. Das ist ein ganz natürlicher und sinnvoller Prozess. Damit dies aber langfristig hilfreich ist, sollten Sie, wenn sie nicht mit Stift und Papier arbeiten (wozu ich heute, angesichts der vielen sehr guten verfügbaren digitalen Werkzeuge, nicht mehr raten würde), unbedingt die Funktion zur Aufzeichnung von Änderungen aktivieren. Eine solche Funktion ist heute in jedem ausgereiften Textverarbeitungssystem, und erst recht in Autorensystemen enthalten. Und Sie sollten sie unbedingt frühzeitig nutzen. Das Programm zeichnet dann alle Veränderungen auf. Später können Sie sich diese, mit entsprechenden Markierungen versehen, darstellen lassen und ggf. zurücknehmen.
  2. Kümmern Sie sich erst ganz am Schluss der Überarbeitung – bei der Herstellung des endgültigen Textes – um Fragen der Rechtschreibung und der Zeichensetzung. Die meisten offensichtlichen Tippfehler haben Sie sicherlich bereits während des Schreibens korrigiert (eindeutig eine der nützlicheren Funktionen moderner Textverarbeitungssysteme). Die eher verborgenen Fehler werden Sie, je länger die Überarbeitung dauert, ohnehin selbst nicht mehr finden. Da spreche ich aus eigener Erfahrung als Verlagsleiter und Chefredakteur. Zur Fertigstellung eines Textes einen Korrektor – das ist nicht mit einem Lektor zu verwechseln – zu beschäftigen, ist daher nicht die schlechteste Idee.
  3. Fragen der Sprache der Figuren und des Stils ihrer Erzählung sollten Sie sich dennoch aufmerksam widmen, und den Text daraufhin mehrfach lesen. Nichts ist für Leser so enttäuschend wie unmotivierte Stilbrüche in einem Text.

Pausen helfen – Lesungen noch mehr

Wenig kann bei einer Überarbeitung so sehr helfen, wie die kritische Distanz des Autors zum eigenen Text. Und kaum etwas hilft dabei so sehr, wie Zeit. Seien Sie geduldig – auch wenn es schwer fällt – und legen sie einen fertig geschriebenen Text, den ersten Entwurf, für ein paar Wochen oder Monate beiseite, bevor Sie mit der Überarbeitung beginnen. Dieser Abstand verschafft Ihnen einen frischen Blick und die notwendige kritische Distanz. Sie sehen dann beim erneuten Lesen all die Schwächen und Fehler, die Sie beim schreiben, während Sie auf die nächsten Worte, den nächsten Satz konzentriert waren, nicht erkannt haben.

Es geht also um eine kritische Lektüre. Seien Sie sicher: alles was Ihnen auffällt, wird unbedarften Lesern noch viel eher ins Auge fallen. Konzentrieren Sie sich bei dieser Lektüre fürs erste auf die Geschichte und markieren Sie lediglich alle Stellen, die Ihnen als schwach, fehlerhaft oder unlogisch auffallen.

Hilfreicher noch, als Pausen vor einer kritischen Lektüre, sind Lesungen. Lesungen, die Sie vor Ihrer Familie, Freunden oder Bekannten abhalten. Wenn Sie mutig genug sind, bieten sich bestimmt auch in Ihrer Stadt oder Umgebung Gelegenheiten, bei denen Autoren ihre Texte vortragen. Natürlich macht es wenig Sinn, bei einer solchen Gelegenheit einen ganzen Roman vorlesen zu wollen. Wenn es sich bei ihrem Text also nicht um eine eher kürzere Erzählung handelt, wählen Sie einige Passagen aus und verbinden Sie ihren Vortrag durch ein paar kurze erläuternde Sätze. Wählen Sie, wenn möglich, nicht nur Passagen aus, bei denen Sie Applaus erwarten, sondern besonders solche, bei denen Sie unsicher sind, ob sie gelungen sind.

Schließen Sie an die Lesung einen Frage-Antwort-Abschnitt an. Stören sie sich nicht an möglicher Kritik – ihr Text ist ja noch nicht fertig –, sondern notieren Sie sich, welche Fragen gestellt werden. Diese Fragen können Ihnen beim überarbeiten besonders helfen.

Faktencheck: alles korrekt?

Ein wichtiger Teil einer Überarbeitung – und ein erster Lektüre-Durchgang – ist die Kontrolle der Fakten. Gleich, ob Sie sich bei der Welt, in der ihre Geschichte spielt, an der Wirklichkeit orientieren, oder dafür eine eigene Welt entworfen haben: die Fakten dieser Welt müssen korrekt wiedergegeben sein. Nichts ist für einen Leser so enttäuschend, wie Daten und Fakten, die in einem Kapitel so, und im nächsten ganz anders geschildert werden. Solche Inkohärenzen und Inkonsistenzen zerstören die komplette Illusion der Wirklichkeit einer Geschichte.

Deshalb müssen Entfernungen, Zeiten, Beschreibungen von Gebäuden, Menschen, Kleidung, Fahrzeugen, Pflanzen und Tieren, kurz alle Bestandteile des „Dekors“ immer präzise wiedergegeben werden. Auf Basis einer ausgearbeiteten Konzeption sollte das für Sie kein Problem sein. Anderenfalls sollten Sie die erforderlichen Korrekturen sehr ernst nehmen.

Anfang und Ende: Beantwortete Fragen

Der Anfang einer Geschichte exponiert Fragen: Rätsel, Konflikte, Geheimnisse. Die Themen, mit denen die Figuren der Geschichte sich auseinandersetzen müssen. Und bisweilen kommen im Laufe einer Erzählung weitere Rätsel, Konflikte und Geheimnisse hinzu. Führen Sie eine Liste der Fragen, die sich der Leser während der Erzählung stellt oder stellen würde – oder finden Sie jemanden, der den Text liest und diese Fragen für Sie notiert. Idealerweise – ich wiederhole mich – haben Sie eine solche Liste bereits während der Konzeption erstellt. Dies sind die Fragen, die Sie, oder besser: Ihre Erzählung, bis zum letzten Satz beantworten sollten – eigentlich: müssen. Und für die Fragen, die nicht beantwortet werden, sollten Sie einen guten Grund, oder eine Ausrede haben. So ist es die Kernidee eines Geheimnisses, das es geheim bleibt. Und manche Konflikte können nicht gelöst werden.

Dennoch sollte jede Geschichte zu einem für den Leser „befriedigenden“ Ende geführt werden. Wie immer Sie das anstellen. Prüfen Sie also genau, ob die Fragen, die sich der Leser stellt, am Ende beantwortet werden. Und wenn das nicht der Fall ist, wissen Sie, an welchen Stellen Sie überarbeiten müssen.

Die Dramaturgie korrigieren

Die Dramaturgie einer Geschichte beschreibt den Weg, auf dem ihre Fragen, Rätsel, Konflikte und Geheimnisse entstehen, sich zuspitzen und schließlich gelöst werden. Man könnte sie auch als die Abfolge der Szenen beschreiben, die am Ende die Geschichte bilden. Manchmal zeigt sich bei der Lektüre, dass eine Veränderung der Reihenfolge dieser Szenen hilfreich ist, um den Sinn der Geschichte besser zu vermitteln. Solche Veränderungen sind manchmal sehr komplex. Und oft erzwingen sie Veränderungen an anderen Stellen. Dennoch sollten Sie mit solchen Veränderungen experimentieren. Nicht immer ist eine chronologische Anordnung von Ereignissen optimal.

Die Darstellung der Figuren überarbeiten

Die Beziehungen und Konflikte zwischen den Figuren sind der Kern einer guten Erzählung. Deshalb sollten Sie der Beschreibung und Darstellung Ihrer Figuren die höchste Aufmerksamkeit schenken. Und zwar besonders, während Sie einen Text überarbeiten. Auch hier hilft Ihnen eine detailliert ausgearbeitete Konzeption. Sie enthält nicht nur Informationen zu Name, Alter, Funktion/Rolle der Figur, sondern auch zu Absichten und Intentionen, Stärken und Schwächen, Vorgeschichte und (ggf.) Nachgeschichte, usw. All dies sind grundlegende Voraussetzungen für eine plastische, glaubwürdige und authentische Darstellung ihrer Figuren.

Überprüfen Sie anhand der Konzeption die Darstellung ihrer Figuren in den einzelnen Szenen in denen sie auftauchen. Und überarbeiten Sie, wo nötig, die Figurendarstellung. Sollten Sie keine Konzeption angelegt haben, müssen Sie spätestens jetzt die Merkmale ihrer Figuren zusammentragen und mögliche Inkonsistenzen in den verschiedenen Szenen beseitigen.

Dialoge – Wer spricht wie?

Glaubwürdige und authentisch klingende Dialoge zu schreiben, gehört, zumindest meiner Ansicht nach, zu den schwierigsten Aufgaben eines Erzählers. Nicht umsonst gibt es im Filmbusiness spezielle Dialogautoren, und spezielle Seminare zu diesem Thema. Die Schwierigkeiten liegen nicht nur in der Frage, welche Informationen wie kommuniziert werden, sondern die Sprache muss auch der Figur, der Situation, und den jeweiligen Absichten und Beziehungen der Figuren angemessen sein. All dies macht Dialoge zu einem wirklich beständigen Anlass für Überarbeitungen. Deshalb: geben Sie sich nicht mit der ersten Version eines Dialogs zufrieden. Und: imitieren Sie keine Dialekte, die Sie nicht wirklich selbst beherrschen.

Mehr:

Dies war nur ein erster Einblick in die Themen, die im Rahmen einer Überarbeitung relevant werden können. Mehr werde ich in künftigen Blog-Posts zu dieser Schreib-Phase besprechen.


  1. Und selbst Tagebücher werden nicht selten mit dem Blick auf künftige Leser geschrieben, wie man z.B. am Fall Thomas Mann sehen kann.
Menü schließen